Internationales EUCOR-Kolloquium an der Universität Strasbourg
13. und 14. November 2009
Im Zeichen des Aufbruchs in die Moderne wurde ein Genre wichtig, das aus heutiger Perspektive als überholt betrachtet wird. Überall in Europa werden Epen geschrieben, gesucht und entdeckt – ob es sich dabei nun um alte oder neue Stoffe, Mythen oder Texte handelt. Man denke etwa an Lord Byrons Don Juan, Goethes Hermann und Dorothea, an die Wiederentdeckung des Nibelungenliedes oder die Herstellung des finnischen Nationalepos, der Kalevala, sowie an umfassende Romanprojekte mit epischem Anspruch (Balzacs Comédie humaine oder auch Tolstois Voina i mir (Krieg und Frieden)). Das Renommee des Genre war hoch, nicht selten fanden sich viele Leser, die Texte wurden vertont und gesungen. Allzu oft aber wurden die Texte nicht in vollem Umfang allen Ansprüchen gerecht: Projekte scheitern (Isaac Laquedem von Alexandre Dumas), sie werden als historischer Roman oder als Parodie (C.J.L Almqvists Sviavigamal) rezipiert. Angesichts der Textfülle und der ihr zugesprochenen Bedeutung stellt sich die Frage: Wozu braucht das 19. Jahrhundert Epen, und was tut es damit?
Dieser Frage möchten wir auf unserer Arbeitstagung nachgehen. Im Zentrum der Reflexion soll dabei die Diskrepanz stehen zwischen Text und Epos-Konzept, zwischen monologischem Anspruch und dialogischem Sein, zwischen oft nationalem Pathos und internationalem Adressaten. Zwei Achsen erscheinen uns fruchtbar: zum einen die Idee der 'neuen Mythen', die sich in der epischen 'Mythifizierung' von Gegenwart und Zeitgeschichte (z.B. Napoleon und französische Revolution) bzw. dem Einzug von Wissenschaft und Technik in die Literatur (Jens Baggesens James-Cook-Epos Oceania, Jules Verne) äußert; zum anderen die „réécriture“ vorgeblich alter Mythen (Ossian, Wagner, Zhukovskijs Übersetzung des indischen Mahabharata). Auf beiden Achsen können die epischen Projekte dabei entweder national oder menschheitsgeschichtlich gedacht sein. So liefern sogar die Helden anderer Nationen epische Sujets (vgl. die sehr unterschiedliche literarische Umsetzung des polnischen Mazeppa-Stoffes). In jedem Fall gilt der Anspruch, dass sich die Zeit oder ein Volk im exemplarischen Menschen manifestiert.
Das Ziel der Arbeitstagung soll es sein, ein gesamteuropäisches Phänomen als solches neu zu denken und zu diskutieren. Tagungssprachen sind französisch, deutsch und englisch.
Organisatoren:
Charlotte Krauss (ckrauss@umb.u-strasbg.fr), EA 1337 (Configurations littéraires)
und Thomas Mohnike (tmohnike@umb.u-strasbg.fr), EA 1341 (Mondes germaniques)
Ein zweiter Teil des Kolloquiums, der das 20. und 21.Jahrhundert behandeln soll, ist für November 2010 an der Universität Nancy geplant, in Kooperation mit Sylvie Grimm-Hamen (Nancy) und Urs Urban (Straßburg).
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